Interview

Dieses Interview darf – anders als die übrigen Inhalte dieser Homepage – ganz oder in Ausschnitten auch an anderer Stelle veröffentlicht werden. Bedingung ist dabei, dass mindestens der Buchtitel „Heile Welt an Rhein und Ruhr“ sowie die ISBN 978-3-8423-1935-6 angegeben werden.

 

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Warum zerfällt das Ruhrgebiet zukünftig in zwei Teile?

Heile Welt an Rhein und Ruhr – so heißt der soeben erschienene Roman von Klaus Heimann. Niklas Herrmann sprach mit dem Autor.

 

Herr Heimann, in Ihrem Roman zeichnen Sie eine ziemlich düstere Zukunftsvision vom Ruhrgebiet. Warum haben Sie diese Veröffentlichung ausgerechnet ins Jahr 2010 gelegt, in dem die Kulturinteressierten doch eigentlich im Jubel der RUHR.2010 schwelgen sollten?

KH: Die Kulturhauptstadt war der letzte Anstoß dafür, endgültig Ernst mit meiner Veröffentlichung zu machen. Der Roman ist sozusagen mein ganz persönlicher Beitrag.

Es ist richtig, zu jubeln und wir Ruhris dürfen uns auch einmal feiern. Dass der Roman in der Zukunft spielt, lässt ja für die Gegenwart noch alle Handlungsoptionen offen. Der Roman möchte nur den kleinen Merkposten setzen, dass Kultur zwar zusammenschweißen, nicht aber alleinige Lösung für die real existierenden Probleme des Ruhrgebiets sein kann.

 

Welche Probleme meinen Sie damit? 

KH: Im Ruhrgebiet ist in Städten wie Essen ein ausgeprägtes demographisches Gefälle festzustellen. Das kann man durchaus messen an Durchschnittseinkommen, Arbeitslosenquoten, Verschuldung der Haushalte etc. Von Nord nach Süd nehmen Wohlstand und Bildung zu. Das halte ich für ein gewaltiges Pulverfass und sollte es der Politik einmal nicht mehr gelingen, die Armut zu subventionieren, dann könnte das von mir dargelegte Szenario – so oder ähnlich – irgendwann real werden.

 

In Ihrem Roman führt das zu einer Zweiteilung des Ruhrgebiets.

KH: Exakt. Der nördliche Teil versinkt im Chaos, der südliche wird mit Teilen des Rheinlands zu einer Schutzzone für Reiche und Privilegierte vereinigt. Das ist übrigens gar nicht so weit hergeholt, denn schon heute orientieren sich Düsseldorfer in den Süden des Ruhrgebiets, denn hier sind die Immobilienpreise niedriger und die gute Verkehrs-anbindung (wenn der tägliche Stau nicht wäre!) macht ein Pendeln möglich.

 

Eine andere Triebfeder der Handlung ist das Thema Terrorismus. Gerade daraus bezieht der Roman seinen Spannungsbogen und entwickelt durchaus Thriller-Qualitäten. Was hat Sie dazu bewogen, den Terror an der Zweiteilung des Ruhrgebiets festzumachen?

KH: Wir verkürzen den Terror heute gerne auf „religiösen Extremismus“. Gerade in Deutschland sollten wir aus eigener Erfahrung wissen, dass er auch aus ganz anderen, nicht religiösen Motivationen entstehen kann.

Die Idee zu meinem Roman stammt aus den Anfängen des Irakkriegs. Mich hat damals aufgeregt, dass man Menschen in die Schlacht schickte in dem naiven Glauben, dadurch könne man etwas gegen den Terror bewirken. Damit hatte ich den zweiten Kristalli-sationspunkt für meinen Roman gefunden. In ihm speist sich der Terror aus politischem Idealismus und aus Rache für persönlich erlebtes Leid. Sozial-ökonomisches Gefälle und Terrorismus verbinden sich so zu den tragenden Eckpfeilern der Handlung.

 

Im Roman werden real existierende Orte beschrieben. Wie wichtig ist Ihnen der lokale Bezug? 

KH: Das stimmt. Die Villa Hügel wird namentlich erwähnt und die Schule, an der die Frau des Protagonisten beschäftigt ist – die ich übrigens selbst besucht habe – kann ein Ortskundiger leicht identifizieren.

Aber genauso reden wir über eine fiktive Zukunft und in dieser Zukunft werden vertraute geografische Gebilde aufgelöst und zu neuen Einheiten geformt. Das Bekannte und Lokale war für mich wichtig, um einen Ankerpunkt in diesem erdachten Umfeld zu setzen – für mich und meine Leser. Die grundlegenden Aussagen zur Aufspaltung der Gesellschaft und zum Terrorismus möchte ich universell verstanden wissen.

Klaus Heimann liest im Zelt bei  „kunstfelder2010“
Klaus Heimann liest im Zelt bei „kunstfelder2010“

Gibt es Vorbilder für Ihren Roman?

KH: Nun, die gibt es durchaus.

Als Jugendlicher habe ich bei einem Verwandten Perry-Rho-dan-Hefte entdeckt. Ich war fasziniert von fernen Welten und vor allem von außerirdischen Lebensformen.

In meiner Studienzeit geriet ich dann an ernsthafte Science-Fiction, wie „1984“ oder „Schöne neue Welt“, aus denen ich auch Zitate an das Ende meines Romans gestellt habe. Der Wunsch, selbst etwas in dieser Richtung zu schreiben, hat sich damals schon in mir festgesetzt.

 

Und erst jetzt, nach Jahrzehnten, haben Sie diesen Wunsch verwirklicht?

KH: Genau. Aber es ist nicht so, dass ich erst als Erwachsener angefangen habe, zu schreiben. Vorher hat es bereits andere Versuche in anderen Genres gegeben.

 

Das wären?

KH: Das ist eine längere Geschichte. Dafür muss ich etwas ausholen.

Angefangen hat meine Begeisterung für Geschriebenes mit den Geschichten, die mir mein Großvater vorgelesen hat. Zuerst wurde ich also geduldiger Zuhörer. Dann, nach der Einschulung, wurde ich bald ein eifriger Leser.

Irgendwann fielen mir alte Dokumente in die Hand, die in einer merkwürdigen Schrift abgefasst waren, die ich nicht entziffern konnte. Meine Mutter klärte mich darüber auf, dass dies Sütterlinschrift sei. Ich war so begeistert davon, dass ich diese Schrift aus eigenem Antrieb erlernte.

Um in der neu erlernten „Geheimschrift“ zu schreiben, benötigte ich Texte und nach dem langweiligen Abschreiben von Gedichten verfiel ich darauf, einen Roman zu schreiben. Daraus wurde eine üble Räuberpistole, die mich heute noch in ihrer Rührseligkeit zum Lächeln bringt. Aber, wenn man so will, kam ich zum Schreiben durch das Manuelle, das Kratzen der Feder auf dem Papier.

Zum Autor wurde ich erst danach, als das Inhaltliche in den Vordergrund rückte. Einige Versuche fallen in mein drittes Lebensjahrzehnt, bis familiär bedingt eine Pause eintrat, die durch „Heile Welt an Rhein und Ruhr“ beendet wurde, weil mich, wie bereits geschildert, die richtigen Themen ansprangen.

 

Berufsbedingt sind Sie aber nie mit dem Schreiben in Berührung gekommen? 

KH: Höchsten durch das Abfassen von sachorientierten Konzepten.

Von Beruf bin ich Controller, also ein Mensch der Zahlen. In so mancher Zahl steckt aber manchmal genauso viel Phantasie wie in einem Roman – vielleicht liegt da die Verbindung.

 

Warum war für Sie nach so langer Zeit die Veröffentlichung wichtig? 

KH: Mir ist klar geworden, dass Geschichten nicht für die Schublade gedacht sein können. Mein Roman soll leben. Er soll auf Menschen treffen, denn erst durch Publikum atmet er, durch unterschiedliches Verständnis und durch die Spiegelung an unterschiedlichen Meinungen wird er sozusagen zu eigenem Leben erweckt.

Ich bin wirklich gespannt auf die Reaktionen des Publikums!

 

Kehren wir zurück zur RUHR.2010. Glauben Sie, dass die Kulturhauptstadt dem Ruhrgebiet genutzt hat?

KH: Ich glaube, sie hat vor allem für mehr Aufmerksamkeit gegenüber dem Ruhrgebiet gesorgt. Bei den Ruhris selbst hat sie vielleicht das kulturelle Bewusstsein für ihre Region geschärft. Mal sehen, wie lange das trägt.

 

Sie glauben also nicht an eine nachhaltige Wirkung?

KH: Allein aus finanziellen Gründen kann das Niveau nach meiner Ansicht nicht gehalten werden. Megaevents, wie das „Still-Leben“ auf dem Ruhrschnellweg wird es so nicht mehr geben. Damit wird sich auch das Interesse der internatio- nalen Medien wieder verflüchtigen.

Bleibt zu hoffen, dass das, was bereits existiert, über die Jahre erhalten bleibt, wie etwa das Museum Folkwang, dessen Wiedereröffnung ja mehr oder weniger zufällig in das Jahr 2010 fiel, oder die reiche Musik- und Theaterszene.

 

Also insgesamt ein eher skeptisches Resümee?

KH: Vielleicht zehren wir noch einige Jahre von PR-Effekten, aber dann müsste auch zukünftig permanent an einem geschlossenen Außenauftritt des Ruhrgebiets gearbeitet werden. Das Kirchturmdenken der Stadtpolitik wird das schwer machen.

 

Sehen Sie gerne schwarz für die Zukunft?

KH (lacht): Nein, überhaupt nicht. Wenn wir dem Gestaltungswillen die Vernunft zur Seite stellen, sollte uns nicht bange vor der Zukunft sein. Für jedes Problem gibt es eine Lösung.

Angst habe ich nur vor der Irrationalität der Menschen, die oft Habgier, Traditionen, Ideologien oder Egoismen vor die Vernunft stellen. Wir sollten wachsam sein!

 

Sie haben also noch persönliche Zukunftsprojekte?

KH (lacht wieder): Oh ja. Ich habe sozusagen Blut geleckt.

Auf jeden Fall werde ich andere Genres ausprobieren und andere Erzählstile. In „Heile Welt an Rhein und Ruhr“ wird aus der Perspektive von fünf Personen berichtet und es gibt mehrere Handlungsstränge, die parallel zueinander verlaufen.

In meinem nächsten Projekt werde ich aus der Sicht eines Ich-Erzählers chronologisch und im Präsens erzählen. Das verschafft mir die Möglichkeit, unmittelbarer mit der Sprache zu arbeiten. Schauen wir, was dabei herauskommt!

 

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